Streetart – Eine Brücke der Kunst zwischen privatem und öffentlichem Raum

Überall im Berliner Stadtbild sind aufgeklebte Figuren und unendliche geklebte Stickervariationen, Köpfe, Geister, geklebte Fakes von Überwachungskameras, veränderte Straßenschilder, verrückte Plakate und Schnittfiguren zu sehen. Ist das eine neue Kunstform im öffentlichen Raum? Die Aktivisten sehen Berlin als eine Freiluftgalerie. Sie wollen den urbanen Raum zurückerobern und mit eigenen Ideen besetzen. Graffiti bezeichnet ursprünglich einen an eine Wand geschriebenen Text. In Pompeji wurde grundsätzlich jede Wand mit öffentlichen und privaten Ankündigungen beschriftet: Heute beschreibt man damit neben den so genannten Tags (mit Sprühdose oder Filzstift angebrachter Namenszug) und Pieces (gesprühtes Bild im Graffiti-Stil) auch die Schablonengraffiti und politische Graffiti und ist ein Teil der Straßenkunst (streetart). Unter streetart versteht man eine für jeden zugängliche Kunst im öffentlichem Raum. Dazu zählen Graffiti in den verschiedenen Formen genauso wie geklebte Sticker, veränderte Wahl- und Werbeplakaten und deren Botschaften, oder sogar Installationen und Umbauten des öffentlichen Raums.

Streetart ist eine Form die städtische Zeichenwelt mit zu gestalten und neben der überwältigenden Fülle an Informationen und Eindrücken, die heutige Massenkommunikationsmittel ausschütten, andere Ausdrucksformen zu finden. Die Aktivisten wehren sich mit lauten, reißerisc, kitschigen, bizarren Bildern und kombinieren eine Vielzahl moderner Kunststile. Ihre ästhetischen Quellen liegen bei Comic, Cartoon, Werbung, Fantasy, Science Fiction, Kalligraphie und der psychedelischen Kunst. Graffiti ist im Gegensatz zur geklebten Straßenkunst illegal. Das Kleben von Sticker und Plakaten im öffentlichen Raum wird von der Polizei toleriert, sobald jedoch die Sprühdose ins Spiel kommt, kommt es zu einer Strafverfolgung wegen Sachbeschädigung. „Plakate kleben ist relaxter, mit der Dose wird man gleich verhaftet“, so ein Aktivist aus der Szene. Für die Sprayer bedeutet dies, dass sie das Erscheinungsbild ihrer Umgebung nur heimlich, am besten Nachts, verändern können. Darauf spielt ein häufig zu findender Spruch „Euch gehört die Macht, uns die Nacht!“ an. Unter den Künstlern gibt es den Ausdruck Reclaim the streets (engl.: die Straße zurückerobern), meist in bezug auf die flächendeckende Werbung in den Städten. Straßenkünstler werben für sich selbst, für ein Individuum nicht für ein Produkt. Es geht um einen Gestaltungsanspuch. Überall ist man der kommerziellen Werbung ausgesetzt. Den Akteuren geht es darum ihre Umgebung zu gestalten und „hier wohne ich, das ist mein Bezirk“ zu symbolisieren. TAKI 183 und JULIO 204 waren in New York die ersten, die durch den unermüdlichen Eifer, den sie beim Markieren öffentlichen Territoriums an den Tag legten stadtbekannt wurden. Mit Filzstiften schrieben sie Ihre Spitznamen an Hauseingänge, Wände, U-Bahnzügen und Lieferwagen. Den Akteuren geht es um „Existenzbehauptung“. Zum einen dokumentiert der Urheber, dass es ihn gibt. Zum anderen stellt er eine „Behauptung“ auf und nimmt eine eigene Position gegenüber der Außenwelt ein. Graffiti haben immer bestanden und dabei unterschiedlichen Zielen gedient. Neben der Existenzbehauptung haben viele Graffiti auch eine deutlich gesellschaftsbezogene Aussage, bei der weltanschauliche und politische Botschaften im Vordergrund stehen. Die Graffitiforscher gehen von der Annahme aus, dass Graffiti als politisches Thermometer oder Seismograph angesehen werden können. Vor kurzem berichtete die New York Times über ein Plakat, das in der New Yorker U-Bahn auftauchte. Das Plakat ist ein modifiziertes I-Pot Werbeplakat und thematisiert die Folter in den irakischen Gefängnissen. Nicht desto trotz wird Graffiti als Stil oft von der Werbebranche eingesetzt, um Jugendliche anzusprechen – legal, und von Erwachsenen. Gerade die offizielle Werbung steht in engem Austausch und gegenseitiger Beeinflussung mit Graffiti und bezieht sie gerne und oft in die Gestaltung mit ein. Nicht nur der bunte Style und die Charakters der american graffiti werden dabei imitiert, sondern überhaupt oft das Motiv des „an-die-Wand-Schreibens“. Ein konkretes Beispiel aus dem Jahre 1995 ist ein Plakat mit der Imitation eines Baumgraffitos, mit dem der offizielle Verkaufsstermin für WINDOWS 95, dem damals neuen Betriebssystem, bekannt gegeben wurde. In Berlin nahm das Graffiti auf der Berliner Mauer eine Sonderstellung ein, da sie sich an einem weltgeschichtlich bedeutsamen Ort befand.

Die Mauer war Spruchband und politischer Gradmesser oder Spiegel der jeweils benachbarten Stadtteilkultur. Auffallend viele Mauergraffiti thematisierten die Berliner Mauer. Sprüche wie „Die Mauer ist in eurern Köpfen“, „Arbeiter und Bauern brauchen keine Mauern“, „Auf die Dauer fällt die Mauer“, oder „Mauer go home“ waren zu finden. Schon die ersten Graffiti der sechziger Jahre haben auf den Umstand reagiert, dass die Mauer eine ideologische Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten bildet. So durchbricht beispielsweise ein in Comicart gesprühter Superman zu dem Wort „Freedom“ die Wand fliegenderweise; eine mit Schablonen gemalte Miss Liberty wiederholt sich auf einer Reihe der Mauerplatten. Als einer der ersten modernen Künstler setzte sich Brassai sich auf einer ästhetischdokumentarischen Ebene systematisch mit dem Phänomen auseinander. Seine Fotos faszinierten und beeinflußten viele Maler und Zeichner, nicht zuletzt Picasso. Brassais Schwarz-Weiß-Fotos zeigen meist auf Mauern oder in Bäume geritzte einfache Zeichnungen anonymer Passanten. Graffiti bildet neben außereuropäischer Stammeskunst, Kunst von Kindern oder populären Bilderwelten jeglicher Art eine der vielen Inspirationsquellen für die Moderne. In der Hip Hop-Kultur bildet Graffiti eines der vier wesentlichen Elemente. Einige wenige konnten sich jedoch als professionelle Künstler und Writer durchsetzen, wie z. B. der New Yorker Keith Haring und J.M. Basquiat, der mit Andy Warhol befreundet war. In einem Interview von 1990 sagte Haring: „ Die Art und Weise, wie die Hip-Hop-Kultur konsumiert und ausgebeutet wurde, öffnet einem wirklich die Augen für die eigentlichen Werte dieser Macher im Kunstbetrieb. (…) Die einzigen Künstler, die überlebt haben, waren die, die nicht wirklich Teil der Bewegung waren. Leute wie ich, Jean-Michel Basquiat, die immer nur an der Peripherie der Bewegung waren.“ Keith Haring zeichnete mit Kreide in der U-Bahn New Yorks, an der Berliner Mauer mit breitem Pinsel, auf dem Trottoir in Tokio wiederum mit weißer Kreide. Mit dem Namen „shadowman“ ist der „ Streetart – Künstler Richard Hambleton bekannt geworden. Er hat sich mit verschiedenen Ausdrucksformen des Streetart auseinander gesetzt. 1975 hat er mit wilden Plakatierungen gefälschter FBI-Steckbriefe mit den Portraits völlig harmloser Mitmenschen auf sich aufmerksam gemacht. 1976-1978 fingierte er 700 Tatorte mit Blutflecken und Umrißlinien imaginärer Leichen (Titel „Image mass murder“).
1981 charakterisierte er schwarze Männer, den „shadowman“ (Titel „Night life“). Mitte der 80-iger trieb er auch in Berlin sein Unwesen und hinterließ auch auf der Berliner Mauer seine Kunst. Prominente Vertreterinnen der „Jetztzeit“ sind Blek le Rat und Swoon, eine New Yorker Papierschnittkünstlerin, die in den letzten Jahren auch in Berlin auf sich aufmerksam machte.